Ziegen hüten in Marseille

mein FÖJ in Frankreich

Archiv für September, 2010

Salut!

Ach… ist das Leben hier erholsam… Ich hatte seit vorletztem Sonntag keinen freien Tag mehr, in der vergangenen Woche habe ich mehr als 70 Stunden gearbeitet, am Samstag mit dem Mittagessen um 13Uhr die erste Mahlzeit sowie gleichzeitig auch das erste Glas Wasser an diesem Tag zu mir genommen und am Sonntag hatte ich nach dem Melken ab 5:00Uhr eine Stunde Zeit zum Duschen und Essen, um danach 8 Stunden am Stück im Laden, der dank der „journées du patrimoine“ geöffnet war, zu verbringen.

Was ist sonst geschehen?

Ich habe bemerkt, dass es mir immer schwerer fällt, auf Anhieb Englisch mit anderen Europäischen Freiwilligen zu sprechen: Sätze werden mit „ …, non?“ beendet, das Verb „to need“ wird gnadenlos durch „j´ai besoin de“ ersetzt, und, und, und! Nach 2-3 Minuten Gesprächszeit legt sich dies jedoch glücklicherweise (noch). Im Gegenzug hatte ich in der Zeit seit dem letzten Blog-Eintrag auch erfreuliche Erlebnisse bezüglich der Sprache. So fragte man mich einmal, ob ich aus Belgien komme und ein anderes Mal, welcher Region Frankreichs ich entstammen würde, da der dies äußernden Person mein Akzent wohl bekannt gewesen sei, sie ihn aber nicht mehr genau zuordnen habe können. Ich möchte allerdings auch nicht, dass man mich für einen gebürtigen „Marseiller“ hält, da der hiesige Akzent und regionale Ausdrücke auf internationalem Parkett sicherlich keinen so guten Eindruck hinterlassen würden, weshalb ich versuche, bewusst etwas mehr Pariser Einflüsse einzustreuen und mir das aus meiner Sicht viel zu häufig verwendete „putain“ (dt.: Prostituierte (in der vulgären Form)) als Ausdruck des Missfallens komplett verkneife.

Bezüglich des Arbeitspensums habe ich mich ja bereits geäußert, allerdings möchte ich an dieser Stelle gesondert herausstellen, was an einem Samstagmorgen zu verrichten war – ein Lastwagen, der mehr als 10t Heu geladen hatte, musste komplett entladen werden… zu viert! Da einer der Helfer schon etwas älter und nicht mehr ganz so fit war, bedeutet dies, dass ich an diesem Morgen mehr als 2,5t Heu bewegt habe. Ich weiß: reife Leistung, danke 😉

Zu dieser Arbeit gesellten sich allerdings auch wesentlich angenehmere (aber nicht weniger stupide) Arbeiten (wer schon einmal Eischnee mit einem Schneebesen geschlagen hat, weiß, wovon ich rede) wie die Herstellung von mousse au chocolat, wobei aber stets die zu geringe Menge beklagt wurde… glücklicherweise wurde wenigstens der Geschmack für gut befunden.

Lisa hat indes ihre Studien aufgenommen und wir lachen uns an jedem Abend über das Niveau an der… „Uni“/erweiterten Grundschule schlapp. Französische Mitstudenten brechen beinahe zusammen, wenn sie hören, dass in der Abschlussklausur (Englisch) am Ende des Semesters ein Text mit 150 Wörtern vorgelegt wird, zu welchem 28 Fragen (multiple-choice) innerhalb von 4 Stunden (oder waren es nur 3,5? Ich möchte den Franzosen ja auch nicht Unrecht tun) beantwortet werden müssen. Ende der Klausur. In einem anderen Englischkurs schreibt man ein Diktat, welches aus 4 Sätzen besteht, das Semesterziel in Portugiesisch ist, sich vorstellen zu können, seinen Beruf verlauten zu lassen und die Konjugation von „sein“. Es ließe sich noch viel zu diesem Thema schreiben, aber ich möchte diesen Punkt an dieser Stelle mit der Wiedergabe eines Gesprächs im Kurs bezüglich der ersten Kolonialisierungsphase in Amerika abschließen.

Prof: „ …, welch tragende Rolle John Smith hierbei spielte.“

Schülerin (springt auf; völlig ernst): „Sind Sie sicher, dass sie nicht Captain Jack Sparrow meinen?“

Eine andere Schülerin meldet sich zu Wort: „Nein, sie hat Recht! John Smith war doch der Mann von Pocahontas!“

Die weiteren Erlebnisse in Kurzform:

· Ausstellung „6 milliards d´Autres“ besucht, die letzten zwei Züge sind ausgefallen, bei Amelie und Tobi 3,5h geschlafen, pünktlich zum Melken wieder auf der Farm gewesen

· Mein Viertel ist doch gar nicht so gefährlich, falls man von den 2 Morden in der letzten Zeit und den brennenden Häusern und ausgehobenen Drogenküchen mit Waffenlager in der Nachbarwohnung absieht

· Sophies sehr lustige Eltern waren da; Zitat: Mutter: „Wenn der Kühlschrank nächstes Mal wieder so aussieht, kriege ich einen Wutanfall und pinkele auf den Boden.“ – Vater: „Und dann rollt sie sich darin… Moment…das nennt man nicht Wutanfall, sondern Inkontinenz!“

· Lisa hat ein neues Tattoo (2 Würfel auf der Oberseite des Unterarm) und ich werde mir wohl demnächst mal mit Henna einen Notenschlüssel und zwei Noten auf die Unterseite des Handgelenks malen lassen

· Die neuen Mitarbeiter Sylva (?) und Gwen sind sehr nett und lustig, obwohl es ein wenig anstrengend ist, wenn Gwen beim Melken jede Ziege einzeln begrüßt und sagt, was sie an der jeweiligen so sehr schätzt

· Lisa hatte vor kurzem um 23:30Uhr einen Schub und hat das gesamte Haus geputzt

Sooo…das war es erst einmal wieder von mir. Ich möchte nur abschließend noch denen, die die „Schwammkette“ auf dem Foto meines Zimmers entdeckt haben, erklären, was es mit selbiger auf sich hat: Als ich nach meiner Probewoche gefragt wurde, ob ich wiederkommen wolle, meinte ich, dass es eine Bedingung gebe: Der Schwamm in der Küche müsse häufiger ausgetauscht werden. Diese Äußerung führte zu dem besagten Willkommensgeschenk.

Sämtliche Rechtschreib- und Grammatikfehler sind übrigens beabsichtigt, um französischer zu wirken.

Stall-/ Melkimpressionen:

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Chez moi

Da nur die wenigsten wissen, wie es bei mir auf der Farm so ausschaut, möchte ich an dieser Stelle einige Fotos des grünen Kleinods nachreichen.

Neues aus Marseille

Da ich schon mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass es schon eine Weile her ist, seitdem ich den letzten Blog-Eintrag verfasst habe und sich zudem in der letzten Zeit relativ viel ereignet hat, möchte ich im Folgenden über die vergangenen 10 Tage berichten.

Auf den bereits beschriebenen Ausflug zur Calanque folgte zunächst eine Woche kleinerer Missgeschicke. So vergaß ich, den Schlauch im Ziegenstall nach der Befüllung der Tränke abzuklemmen, was nach 2-3 Stunden eine nette kleine Überschwemmung im Ziegenstall verursachte. Die hämischen Kommentare von Seiten Lisas konnte ich aber glücklicherweise stets mit einem Konter versehen, da sie zuvor vergessen hatte, die Tür der Käserei zu schließen, weshalb sich gefühlte 200 Fliegen unerlaubt Zutritt verschaffen konnten. Auch Sophies faux pas ließ nicht lange auf sich warten: bei der Zubereitung einer Sauce Bolognese griff sie nach einem mit „Tomatenmark“ beschrifteten Gefäß und entleerte den Inhalt komplett über dem bereits angebratenen Fleisch – wunderte sich dann aber über die braune Farbe. Ein Geschmacks- und Geruchstest ergaben schließlich, dass es sich nicht etwa um etwas Tomatiges, sondern um Birnenkonfitüre handelte – dommage!

Der obligatorische Sonntagsausflug mit Amelie und Tobi führte uns am 1. Sonntag des beschriebenen Zeitraumes nach Cassis – einem kleinen Hafenstädtchen mit schönem Sandstrand. Allerdings fanden leider auch viele andere Touris den Ort besuchenswert…Fotos folgen indes, sobald ich sie wieder von Tobi klauen kann, da ich wieder einmal keine Kamera bei mir hatte.

Unter der Woche wurden ansonsten nur Brombeeren gesammelt, die schwangeren Ziegen bestaunt, der Hühner- und der Kaninchenstall ausgemistet und es wurde mit dem stinkenden Bock beim Wechsel des Wohnortes ein wenig gerungen – ich habe gewonnen 😉

Am 2. Sonntag ging es zum Plage du Prophète in Marseille: wieder einmal ein sehr schöner Tag am Strand mit Amelie und Tobi und zwei Italienisch sprechenden Mädels vom Europäischen Freiwilligendienst. Das Wasser war allerdings durch das Einsetzen des Mistrals am Vortag etwas kühl. An dieser Stelle soll aber auch der durchaus erwähnenswerte Weg zum Strand Ansprache finden. So bemerkte ich zum ersten Mal (außer zuvor durch die Fußfessel eines Kunden), dass sich die Farm in einem Problemviertel Marseilles befindet – am Bahnhof wurde ich mit den freundlichen Worten „gib mir 5 Euro“ angesprochen und ich wurde nach meinem Handy gefragt. Ich habe in der Folge versucht, mich nett mit dem Herrn zu unterhalten und ihm Argumente vorgetragen, weshalb er weder 5 Euro noch ein Handy von mir bekommen würde. Dies regte ihn anscheinend ein wenig auf, weshalb er mich bald fragte, ob ich wolle, dass er mich schlüge. Ich verneinte trocken. Das war wohl der Punkt, an dem er merkte, dass es von mir wirklich nichts geben würde, zumal ich mir während der gesamten Zeit nicht einmal die Mühe gemacht habe, aus dem Schneidersitz in eine stehende Position zu wechseln, weshalb ich kurze Zeit später ungehindert in den Zug zum Hauptbahnhof einsteigen konnte. Dort angekommen stolperte ich beinahe über einen einsamen Koffer, der kritisch von einer Bahnmitarbeiterin beäugt wurde. „Lustig – das ist bestimmt eine Bombe“…Das dachte sich wohl auch das Bahnpersonal: als ich in der Begleitung von Amelie und Tobi zum Bahnhof zurückkehrte, um die Metro in Richtung Strand zu nehmen, war der Bahnhof abgesperrt und man wurde per Lautsprecher zum Fernbleiben aufgefordert…Zufälle gibt es…

Ich bin gespannt, was mich in der nächsten Zeit noch alles erwartet! Bis demnächst (wirklich)! 😉